Wenn volle Regale über die Krise hinwegtäuschen
Wenn volle Regale über die Krise hinwegtäuschen
Klimaextreme bringen die Lebensmittelproduktion in Österreich und in ganz Europa massiv unter Druck.
Nach Einschätzung von Klimaforschenden lassen sich die zunehmenden Wetterextreme der letzten Jahre nicht mehr als einzelne Ausreißer abtun. Vielmehr ist damit zu rechnen, dass sich solche Ereignisse künftig weiter häufen. Bereits bisher haben sich dadurch große Auswirkungen auf die heimische Obstproduktion ergeben. In der letzten Dekade gab es kaum noch ein Obstbaujahr ohne besondere Vorkommnisse.
Die Lebensmittelproduktion unter freiem Himmel ist sehr schwierig geworden, für die breite Öffentlichkeit bleiben zunehmende Schäden jedoch weitgehend unsichtbar.
2016 erlebte Österreich beim Obst einen der massivsten Ernteausfälle durch Spätfrost. Der Handel konnte rechtzeitig reagieren und die fehlenden Mengen durch verstärkten Import ersetzen. Für die Konsumentinnen und Konsumenten waren die Folgen dieser Missernte kaum spürbar , weshalb sie auch weitgehend unbemerkt blieb.
Die Regale blieben voll, die Betroffenheit blieb aus – und so auch eine breite Solidarität mit einer produktiven heimischen Landwirtschaft.
Was man damals schon gelernt hat, war, wie austauschbar inzwischen die heimische Lebensmittelproduktion geworden ist und dass die Produzentenpreise nicht automatisch mit einer geringeren Erntemenge steigen. Seither sind 10 Jahre vergangen und Importobst ist anteilsmäßig in unseren Supermarktregalen weiter gestiegen.
Weitere Lehren mussten die heimischen Obstbaubetriebe aus der diesjährigen Dürrekatastrophe ziehen. Nach zähem, mehrwöchigem Ringen ist es unserem Landwirtschaftsminister gelungen, Unterstützungsleistungen im Wert von 240 Mio. € für die heimische Landwirtschaft auf die Beine zu stellen.
Für stark betroffene Obstbaubetriebe wird der Unterstützungsbeitrag leider zu gering ausfallen, für eine Neiddebatte reicht er aber vollkommen aus. In weiten Teilen der Bevölkerung gibt es anscheinend wenig Betroffenheit und daher auch nur eine geringe Bereitschaft, die Landwirtschaft bei den zunehmenden Folgen des Klimawandels stärker zu unterstützen.
Umso wichtiger ist es, dass die Branche weiter in den Kulturschutz investiert. Auch müssen wir einen breiten gesellschaftlichen Dialog über die zunehmend prekäre Lage der heimischen Lebensmittelproduktion anstoßen. Die breite Bevölkerung sollte die Absicherung der heimischen Obstproduktion wieder als ihr eigenes Anliegen begreifen – denn letztlich geht es dabei nicht nur um die Zukunft einzelner Betriebe.
Kurzfristig trifft jede Betriebsschließung natürlich besonders die betroffenen Obstbäuerinnen und Obstbauern, doch mit jedem aufgegebenen Betrieb geht zugleich heimische Lebensmittelproduktion langfristig verloren.
Bereits heute liegt der Selbstversorgungsgrad bei Obst laut offizieller Statistik für 2024/2025 nur noch bei 38 %. Vermutlich ist diese zunehmende Abhängigkeit von Lebensmittelimporten einer breiten Öffentlichkeit kaum bekannt und vermutlich auch nicht egal. Es gibt daher durchaus gute Chancen, die Bedeutung einer heimischen Obstproduktion wieder stärker ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken und ihre Stärkung zu einem gemeinsamen strategischen Ziel zu machen.
Noch verfügen wir über leistungsstarke Strukturen und hoch qualifizierte Familienbetriebe, die den Obstbau mit großer Leidenschaft betreiben.
Diese Strukturen gilt es bestmöglich abzusichern und in außergewöhnlichen Krisensituationen auch mit den notwendigen Mitteln zu unterstützen.
Denn wenn die Regale einmal nicht mehr voll sind, ist es reichlich spät, über die Bedeutung einer leistungsfähigen heimischen Landwirtschaft zu diskutieren. Die Frage ist daher nicht, ob wir uns heimische Lebensmittelproduktion leisten können, sondern ob wir es uns leisten können, dass sie weiter zurückgeht.

