Dringender Handlungsbedarf bei Lohnnebenkosten im Obst- und Gemüsebau

Dringender Handlungsbedarf bei Lohnnebenkosten im Obst- und Gemüsebau

Die wirtschaftliche Situation im österreichischen Obst- und Gemüsebau ist zunehmend angespannt. Insbesondere im Bereich der arbeitsintensiven Sonderkulturen stellen hohe Lohnnebenkosten eine große Herausforderung dar und führen zu spürbaren Wettbewerbsnachteilen im europäischen Vergleich.

Vor diesem Hintergrund wurde ein Schreiben an den zuständigen Bundesminister gerichtet, in dem auf die aktuellen Entwicklungen hingewiesen und konkrete Maßnahmen zur Entlastung der Betriebe eingefordert werden.

Nachfolgend finden Sie den vollständigen Text des Schreibens.

 

 

Betreff: Dringender Handlungsbedarf bei Lohnnebenkosten im Obst- und Gemüsebau

Sehr geehrter Herr Minister Dr. Marterbauer,

mit großer Freude haben wir die Ankündigung zur Senkung der Lohnnebenkosten aufgenommen – ein Schritt, den wir als Branche seit Jahren einfordern und ausdrücklich begrüßen. Gleichzeitig müssen wir jedoch festhalten, dass die bisher bekannten Maßnahmen für den Bereich Obst- und Gemüsebau nicht weit genug gehen. Gerade in arbeitsintensiven Sonderkulturen stehen unsere Betriebe massiv unter Druck. Österreich weist im EU-weitem Vergleich unter den Ländern, die im Bereich der Sonderkulturen tätig sind, die höchsten Lohnkosten für kurzfristig Beschäftigte auf – und das in einem Sektor, in dem Lohnkosten bei einigen Produkten bis zu 50 % der Gesamtkosten ausmachen. Ohne gezielte Entlastungen droht, dass sich die Entwicklungen der letzten Jahre fortsetzen und die heimische Produktion zunehmend verschwindet.

Die Konsequenzen sind bereits sichtbar: Heimische Produkte werden vermehrt durch Importware ersetzt. Ein plakatives Beispiel sind Karfiol oder Salate für die Schneideindustrie bei denen Konsumentinnen und Konsumenten heute vielfach zu Ware aus dem Ausland greifen müssen, weil österreichische Produkte preislich nicht mehr konkurrenzfähig sind. Die Verantwortung dafür liegt nicht beim Lebensmitteleinzelhandel, denn Kostensteigerungen lassen sich nur begrenzt an die KonsumentInnen weitergeben – insbesondere im Preiseinstiegssegment. Auch Produktion von Einlegegurken ist bereits deutlich ins Ausland abgewandert – nicht nur in Niedriglohnländer, sondern auch nach Deutschland. Ohne Gegenmaßnahmen droht der Verlust der Sauergemüseverarbeitung in Österreich. Weiters unterstreicht der Rückgang der Anbauflächen die Dramatik der Situation: Allein im Apfelanbau ist die Fläche zwischen 2017 und 2023 um rund 15 % gesunken. Betriebe geben auf, Produktionskapazitäten gehen verloren und in vielen Bereichen – insbesondere dort, wo Herkunft für KonsumentInnen nicht sichtbar ist, z.B. in der Gastronomie – ist heimische Ware bereits heute kaum mehr präsent.

Unsere Betriebe stehen im direkten Wettbewerb mit Ländern, in denen die Arbeitskosten teilweise unter 10 % des österreichischen Niveaus liegen. Gleichzeitig arbeiten wir auch innerhalb der EU unter unterschiedlichen Rahmenbedingungen, die zu klaren Wettbewerbsverzerrungen führen. Neben Mitgliedstaaten mit generell niedrigerem Lohnniveau stärken auch große Produktionsländer wie Deutschland, Frankreich und Italien ihre Wettbewerbsfähigkeit durch gezielte gesetzliche Maßnahmen und reagieren somit auf die Herausforderungen der Produktion der Sonderkulturen.

Besonders hervorzuheben ist hier das deutsche Modell der kurzfristigen Beschäftigung, das eine Befreiung von wesentlichen Sozialversicherungsabgaben für bis zu 70 Arbeitstage vorgesehen hat und im Jahr 2025 auf 90 Tage ausgeweitet wurde. Dadurch entstehen erhebliche Kostenvorteile: Während in Österreich im Jahr 2024 laut KMU Forschung (LoSoLe) die Arbeitgeberkosten für eine effektive Arbeitsstunde bei rund 18,9 Euro lagen, betrugen diese im deutschen Sondermodell lediglich etwa 14,8 Euro – ein Unterschied von rund 28 %. Auch in Frankreich, Italien und Polen bestehen spezifische Entlastungsmodelle, bei denen die Lohnnebenkosten für Saisonarbeitskräfte teilweise sogar staatlich übernommen werden. Diese Entwicklungen sind für die arbeitsintensive Produktion in Österreich nicht tragbar. Studien bestätigen seit Jahren, dass hohe personalbezogene Abgaben einen zentralen Wettbewerbsnachteil darstellen.

Daher fordern wir konkret sozialversicherungsrechtliche Erleichterungen für Saisonarbeitskräfte/kurzfristig Beschäftigte im Bereich Obst und Gemüse, um mehr Netto vom Brutto zu ermöglichen und eine spürbare Entlastung der Dienstgeberbeiträge für Betriebe, etwa nach dem Vorbild bestehender Modelle in Deutschland oder Südtirol.

Österreich darf hier nicht weiter zurückfallen. Die Sicherung der heimischen Produktion – und damit auch der Selbstversorgungsgrad bei Obst und Gemüse – wird langfristig nur gelingen, wenn die Kostenunterschiede auf ein Maß reduziert werden, das Konsumentinnen und Konsumenten für Qualität und Regionalität noch zu tragen bereit sind. Wir produzieren unter höchsten Standards – sowohl im Bereich Arbeitsbedingungen als auch bei Nachhaltigkeit und Pflanzenschutzmitteleinsatz. Bitte unterstützen Sie uns dabei weiterhin produzieren zu können und diese Standards auch künftig aufrechterhalten zu können.

Sehr geehrter Herr Bundesminister, wir ersuchen Sie daher eindringlich, die angekündigten Maßnahmen im Bereich der Lohnnebenkosten gezielt für die Landwirtschaft – insbesondere für arbeitsintensive Sonderkulturen – nachzuschärfen und rasch ein wettbewerbsfähiges Modell für kurzfristige Beschäftigung zu schaffen.

Mit freundlichen Grüßen

Ing. Manfred Kohlfürst Ing. Karl Auer

ÖBOG-Obmann ÖBOG-Obmann – Stv.