Offener Brief des Österreichischen Branchenverbands für Obst und Gemüse (ÖBOG) an die Wirtschaftskammer Österreich
Offener Brief des Österreichischen Branchenverbands für Obst und Gemüse (ÖBOG) an die Wirtschaftskammer Österreich
Sehr geehrte Damen und Herren,
Mit Interesse haben wir die Aussagen des Obmanns der Bundessparte Handel, Herrn Rainer Trefelik, zur Kenntnis genommen. Demnach seien Importe von Essiggurken aus Drittstaaten notwendig, weil die österreichische Produktion den Bedarf derzeit nicht vollständig decken könne.
Wir nehmen diese Einschätzung ernst. Gleichzeitig möchten wir daran erinnern, dass der Marktanteil heimischer Einlegegurken im österreichischen Lebensmittelhandel seit dem EU-Beitritt von über 80 Prozent auf rund 50 Prozent gesunken ist. Die heutige Situation ist daher kein Naturgesetz, sondern das Ergebnis der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, unter denen Landwirtschaft, Verarbeitung und Handel arbeiten.
Warum produzieren wir heute deutlich weniger als früher?
Wir sehen in der aktuellen Situation kein Argument gegen die heimische Produktion, sondern einen klaren Auftrag, sie wieder zu stärken.
Als Österreichischer Branchenverband für Obst und Gemüse (ÖBOG) möchten wir den Handel ausdrücklich dabei unterstützen, diese Entwicklung umzukehren. Unser gemeinsames Ziel sollte es sein, die heimische Produktion wieder auszubauen und die Versorgung mit österreichischen Essiggurken langfristig abzusichern.
Wir befinden uns heute noch in einer Situation, in der alle Voraussetzungen vorhanden sind. Die Verarbeitungsbetriebe bestehen, das Know-how der Produzenten ist vorhanden und auch die Beratungsorganisationen verfügen über jahrzehntelange Erfahrung. Unter den richtigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen könnten wir die heimische Produktion wieder deutlich steigern und den österreichischen Bedarf langfristig wieder überwiegend aus eigener Produktion decken.
Genau deshalb dürfen wir diese Strukturen jetzt nicht verlieren. Sind Verarbeitungsbetriebe einmal geschlossen, Produktionskapazitäten abgebaut und das Know-how verschwunden, lässt sich all das nur mit enormem finanziellem und zeitlichem Aufwand wieder aufbauen.
Der pharmazeutische Bereich zeigt eindrucksvoll, wohin eine zu starke Abhängigkeit führen kann. Erst als Lieferketten unterbrochen wurden, erkannte man, wie aufwendig und teuer es ist, verlorene Produktionskapazitäten wieder zurückzuholen. Aus dieser Entwicklung sollten wir lernen, bevor wir denselben Fehler bei unserer Lebensmittelversorgung machen.
Die nächste Versorgungskrise kommt bestimmt. Zu Beginn der Corona-Pandemie wurde die Lebensmittelproduktion plötzlich als systemrelevant erkannt. Tatsächlich ist sie das aber nicht nur in Krisenzeiten, sondern an jedem einzelnen Tag. Versorgungssicherheit entsteht nicht erst in der Krise – sie wird in Zeiten aufgebaut, in denen die notwendigen Strukturen noch vorhanden sind.
Importe können kurzfristig Versorgungslücken schließen. Sie dürfen aber nicht zur Begründung werden, warum die heimische Produktion weiter zurückgeht. Unser Ziel muss sein, die Ursachen der Versorgungslücke zu beseitigen – nicht uns dauerhaft an sie zu gewöhnen.
Wenn der Handel heute feststellt, dass Österreich nicht genügend Essiggurken produziert, dann sollte unsere gemeinsame Antwort nicht lauten, dauerhaft mehr Ware aus Drittstaaten zu importieren. Unsere gemeinsame Antwort sollte lauten:
Wie schaffen wir es gemeinsam, dass Österreich wieder mehr produziert?
Dazu braucht es faire und langfristige Rahmenbedingungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette – vom Produzenten über die Verarbeitung bis zum Handel. Dazu braucht es Planungssicherheit, Investitionsbereitschaft und den gemeinsamen Willen, die heimische Produktion zu stärken.
Und es braucht Transparenz. Nur wenn Konsumentinnen und Konsumenten erkennen können, woher die Gurken im Glas tatsächlich stammen, können sie sich bewusst für österreichische Produkte entscheiden und damit die heimische Produktion unterstützen.
Als Österreichischer Branchenverband für Obst und Gemüse laden wir die Wirtschaftskammer Österreich, den Lebensmittelhandel und die Verarbeiter herzlich zu einem offenen Dialog ein. Unser Ziel ist nicht Konfrontation, sondern Zusammenarbeit.
Versorgungssicherheit, regionale Wertschöpfung und eine wettbewerbsfähige Lebensmittelproduktion sind gemeinsame Interessen. Sie entstehen nicht von selbst – sie müssen gemeinsam gestaltet werden.
Mit freundlichen Grüßen
Ing. Manfred Kohlfürst
Obmann
Österreichischer Branchenverband für Obst und Gemüse (ÖBOG)

